Aufzeichnungen
über das Leben mit meinem behinderten Kind
Gisela
Hinsberger, Herder Spektrum Premiere, 2007 (Broschiert) , 12,9
Kurzbeschreibung
Die
Ärzte gehen von einem Abbruch der Schwangerschaft aus, als sich
abzeichnet, dass das Kind behindert sein wird. Gisela Hinsberger kann
und will sich darauf nicht einlassen. Sofie wird mit einer
Querschnittslähmung geboren. Die Eltern begleiten ihre Tochter
auf ihrem kurzen, manchmal leidvollen, oft aber auch lebensfrohen
Weg, bis sie kurz nach dem fünften Geburtstag Abschied nehmen
müssen. Und sie erfahren: Glück bedeutet eben nicht
Leidfreiheit, sondern wird an unerwarteter Stelle geschenkt.
Das Buch ist 2007 erschienen, und es wurde u.a. bei
aspekte (17.08.07/online in der ZDF-Mediathek
anzusehen/Schwerpunktthema Pränataldiagnostik), in der Zeitschrift Menschen
der Aktion Mensch, bei pädiatrie hautnah, im
Schattenblick, der Zeitschrift Gemeinsam Leben, dem
ASBH-Rundbrief vorgestellt.
Umschlagtext
Ein
besonderes Buch - unprätentiös, genau und mit literarischer
Qualität erzählt.
Der
Erfahrungsbericht einer Mutter, der zeigt: Glück bedeutet nicht
Leidfreiheit. Das Leben eines Kindes ist keine Rechengröße,
darf es nicht sein.
(Professor
Dr. med. Klaus Dörner)
Auszug
aus Weil es dich gibt. Aufzeichnungen über das Leben mit
meinem behinderten Kind von Gisela Hinsberger. Copyright ©
2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber.
Alle Rechte vorbehalten.
Sachliche
Begegnung
Wie immer bin ich zu früh da. Im Wartezimmer
sitzt eine Frau, deren ernsten Blick ich gekonnt an mir abblitzen
lasse. Wie sorglos ich bin, wie sicher, dass es mich niemals treffen
wird. Ich bin in der 23. Woche, meine Ärztin hat mich hierher
geschickt, weil der Kopf des Kindes zu klein sei. Eine
Fruchtwasseruntersuchung hatte ich abgelehnt. (...) Natürlich
habe ich keine Sekunde daran geglaubt, ein behindertes Kind zu
bekommen.
So ist das mit der Statistik. Sie bleibt so schrecklich
abstrakt.
Es ist so weit. Der Arzt ist unpersönlich und
wortkarg. Ich lege mich hin, er führt den Ultraschallkopf über
meinen Bauch. (...) ich frage arglos lächelnd: "Ist das ein
Fuß, ist das eine Hand?"
Der Arzt antwortet nicht,
meine Fragen perlen blank an ihm ab. Er starrt auf den Monitor, misst
und macht Aufnahmen. Ich verstumme, und die Stille wird nur noch von
technischen Lauten durchbrochen. Irgendwann steht der Arzt auf und
reicht mir Papiertaschentücher. (...) Ich wische meinen Bauch
ab, der Arzt setzt sich an seinen Schreibtisch, sagt, dass mein Kind
"schwerstmehrfachbehindert" sei und zählt lateinische
Wörter auf. Ich suche seinen Blick, seine Augen sollen mir
sagen, dass das hier Wirklichkeit ist, doch er weicht aus, er gibt
mir Informationen, aber er wird diesen "Augenblick" nicht
mit mir teilen. Seine Stimme bleibt sachlich wie die eines
Nachrichtensprechers; ich höre sie und stemme mich gegen das
Gefühl von Unwirklichkeit. (...)
Das hier ist Realität.
Es passiert. Mir und jetzt.
Doch es dauert, bis zu mir
durchdringt, dass mein Baby gelähmt ist, und dass es "Klumpfüße"
hat. Aus weiter Ferne höre ich diese Stimme, die nie auf mich
wartet.
Sie
sagt, dass die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten sei, weist
darauf hin, dass ein eventueller Abbruch möglichst bald
stattfinden müsse, da das Kind sonst lebensfähig sei,
fragt, ob ich einen Termin haben möchte.
Termin?
Abbruch?
Harsch fallen die Worte, ich habe noch nicht mal
verstanden, was los ist.
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